Germanisierung des Freizeitskinos
Es findet eine vollständige Germanisierung der Freizeitbeschäftigung „Kino“ statt. Die alten französischen Namen der Kinosäle, die manchmal noch kurzzeitig bestehen blieben, wurden schließlich schnell durch deutsche Bezeichnungen ersetzt. Dieser symbolische Wandel ist Teil eines umfassenderen Prozesses der kulturellen und sprachlichen Neuordnung der Stadt. Daher beschlossen die Behörden, eine genaue Bestandsaufnahme der Kinosäle durchzuführen, um diejenigen zu identifizieren, die erhalten und nach der Anpassung an die „deutschen Sicherheitsstandards“ wiedereröffnet werden konnten.
Im Jahre 1940 bestehen alle im Programm aufgeführten Filme aus deutschen Produktionen. Zwar erscheinen während der De-facto-Annexionszeit schließlich auch einige Filme aus den Produktionsländern der deutschen Verbündeten, vor allem italienische Filme (die ab 1942–1943 zahlreich werden), doch werden im Elsass und im Moselgebiet fortan keine französischen, englischen oder amerikanischen Filme mehr gezeigt.
Diese Germanisierung erfolgt vor allem über ein Organisationsmodell, das für das Dritte Reich spezifisch ist. Die Vorführungen bestehen aus:
– Werbespots,
– einem aktuellen Wochenschau-Beitrag: der Deutschen Wochenschau,
– einem Dokumentarkurzfilm: dem Kulturfilm,
– dem Hauptfilm: dem Spielfilm.
Die Deutsche Wochenschau und der Kulturfilm bilden das Vorprogramm.
Eine Kinovorstellung dauert im Durchschnitt zwischen 2 Stunden und 2 Stunden 20 Minuten. Um den Spielfilm sehen zu können, muss das Publikum zwingend zuvor die Vorführung der Wochenschau ansehen. Genau in diesen Bildern liegt einer der Schwerpunkte der Massenmanipulation: die Deutsche Wochenschau begnügt sich nicht damit, über das aktuelle Geschehen zu berichten, sondern versucht, eine ideologische Lesart der Ereignisse durchzusetzen, indem sie die Geschichte in dem Moment umschreibt, in dem sie sich gerade abspielt.
Foto 43 : AVES (1Fi146-109 und 1Fi146-95) – Foto des Eingangs zum Kino an der Place Broglie in Straßburg. Das Kino „Broglie-Palace“ trug zunächst eine Woche lang den Namen „Broglie Lichtspiele“, bevor es vollständig in „RheinGold“ umbenannt wurde.
Foto 44 : Archiv des Elsass – Technische Überprüfung vom 4. September 1940 für das Kino Krütenau. Der Bericht weist darauf hin, dass der Vorführraum zu klein ist und dass die Wände und Decken nicht hitzebeständig sind. Auch der Notausgang ist problematisch. Es sind umfangreiche Renovierungsarbeiten erforderlich.
Foto 45 : BNUS – Straßburger Neueste Nachrichten, 02.01.1943. Manipulierte Bilder in den Wochenschauen sind umso unverzichtbarer, wenn das Regime ins Wanken gerät, wie es im Winter 1942/1943 der Fall war – daher auch der Titel des Artikels „Wochenschau stärker als der Spielfilm“.