Ein Massenfreizeitvergnügen
Das Kulturleben während der De-facto-Annexion
Das kulturelle Leben wurde während der Annexion ununterbrochen fortgeführt. Sie stellt für die nationalsozialistischen Behörden im Rahmen der Germanisierungspolitik der annektierten Gebiete sogar eine zentrale Herausforderung dar. Sie trägt dazu bei, die geistige Welt der Menschen auf beiden Seiten des Rheins zu vereinen.
Tatsächlich investieren die Behörden bereits in den ersten Wochen nach der De-facto-Annexion massiv in Kultur und Freizeit. In Forbach wurde eine Liste der kulturellen Aktivitäten während des Krieges erstellt: Restaurants, die bis 23 Uhr geöffnet waren, Kinos in Petite-Rosselle, Stiring und Forbach, die Stadtbläserkapelle, Chöre, Konzerte, Varieté-Abende, Theater und der traditionelle Jahrmarkt.
In diesem Zusammenhang nimmt das Kino einen besonderen Platz ein. Dank seines Netzwerks an Kinosälen, seiner Zugänglichkeit, seiner günstigen Preise (auch wenn die Eintrittspreise je nach Sitzkomfort und Platzlage unterschiedlich sind) und der Qualität seines Programms entwickelt es sich zur wichtigsten und beliebtesten Freizeitbeschäftigung.
In Straßburg füllen sich die Kinosäle während des Krieges bis auf den letzten Platz. Die Besucherzahlen steigen von 1,6 Millionen im Jahre 1941 auf über 4,2 Millionen im Jahre 1943. Im Durchschnitt geht jeder Einwohner fast zweimal im Monat ins Kino, ein Niveau, das mit dem der deutschen Großstädte vergleichbar ist.
Im Jahre 1943 geht jeder Einwohner im Durchschnitt 41,7 Mal im Jahr ins Kino, ein absoluter Rekord im gesamten Reich. In der Saison 1943–1944 wurden in den fünf Kinos in der Innenstadt mehr als 2,2 Millionen Eintrittskarten verkauft, was einem Tagesdurchschnitt von 6.000 Zuschauern entspricht.
Der Erfolg ist so groß, dass das Rex, der größte Kinosaal des Moselgebiets mit mehr als 1 200 Sitzplätzen, im Herbst 1943 gezwungen ist, ein Buchungssystem einzuführen, um die Warteschlangen zu verkürzen. Das gleiche System wird auch in Straßburg eingeführt.
Foto 52 : Mémorial Alsace-Moselle, Bestand PIEMONT – Glasplatte, Werbung für den „Circus Helene Hoppe“.
Foto 53 : Stadtarchiv Metz – Anzeige des Rex in der „Metzer Zeitung“ vom 4. November 1943 zur Bekanntgabe der Einführung eines Vorverkaufssystems für Eintrittskarten aufgrund des großen Zustroms bei den Vorführungen. Die Zuschauer hatten die Möglichkeit, am Vormittag vorbeizukommen, um ihren Platz zu reservieren, oder direkt im Kino anzurufen.
Foto 54 : Archives cinématographiques de l’est – Foto der Fassade des Kinos „Rex“ im Februar 1941 anlässlich der Premiere des Films „Quax, der Bruchpilot“ (1941, Kurt Hoffmann). Dieses Kino befand sich in der Chaplerue; das Gebäude wurde inzwischen abgerissen.