Pierre Wander (1929-1995)
Pierre Wander ist am 5. März 1929 in Straßburg geboren. Er ist das dritte Kind einer Familie, die in der Rue de Lausanne im Stadtteil Krutenau am Rande der Innenstadt wohnt. Als Sohn einer dialektsprechenden Mittelschichtfamilie ist er gerade elf Jahre alt, als das Elsass de facto vom Dritten Reich annektiert wird. Im Frühjahr 1942, im Alter von dreizehn Jahren, beginnt er, ein Tagebuch auf Deutsch zu führen. Die erste Erwähnung eines Kinobesuchs stammt vom Montag, dem 4. Mai 1942.
Pierre begibt sich daraufhin ins Kino „Scala“ im „benachbarten“ Stadtteil Neudorf. Dort sieht er sich Ihr Privatsekretär (1940, Charles Klein) an, eine Komödie, in der Stars wie Theo Lingen mitspielen, ein großartiger Komiker, dessen Name er in seinem Notizbuch neben dem Filmtitel vermerkt. Zwischen diesem Datum und der letzten Vorstellung am Dienstag, dem 29. Dezember, bei der er sich im Kino Rheingold die Komödie Einmal der liebe Herrgott sein (1942, Hans Zerlett) mit dem österreichischen Schauspieler Hans Moser ansieht, schaut sich Pierre insgesamt achtundzwanzig Filme im Kino an. Wenn man den Monat Juni ausschließt, für den es keine Einträge in seinem Notizbuch gibt, entspricht dies etwa einer Vorstellung pro Woche.
Mit seinen dreizehn Jahren ist Pierre also ein recht eifriger Kinogänger. Seinem Notizbuch zufolge hat Pierre eine Vorliebe für Komödien und die beliebten Komiker Theo Lingen, Hans Moser und Heinz Rühmann – die einzigen drei Schauspielernamen, die mehrfach in seinem Notizbuch vermerkt sind. Tatsächlich lassen sich zwölf der achtundzwanzig gesehenen Filme dieser Kategorie zuordnen. Unter den verbleibenden sechzehn Filmen sind die Genres sehr vielfältig: Abenteuer-, Zirkus- oder Krimifilme, aber auch Liebesfilme und Musicals. Das mag überraschen, da einige davon für Zuschauer unter 18 Jahren verboten waren, oft aufgrund von Nacktszenen.
Überraschenderweise sind zwölf der sechsundzwanzig Filme, die Pierre gesehen hat, für Minderjährige verboten. Der Bericht eines anderen Jungen in Pierres Alter besagt, dass er Filme mit Marika Rökk sehen konnte, einer Schauspielerin, deren Filme fast ausnahmslos für Minderjährige verboten waren, weil sie oft nackt zu sehen war und weil die „Platzanweiserinnen und Platzanweiser“ in manchen Kinos beim Alter der Zuschauer weniger streng waren.
Foto 83 : Privatsammlung der Familie Wander – Pierre Wander (links) bei der Erstkommunion seines älteren Bruders, um 1941–1942.
Foto 84 : Privatsammlung der Familie Wander – Seite aus dem Tagebuch von Pierre Wander. Am 20. Juli geht Pierre ins Kino „Eden“, um sich den Film „Paradies der Junggesellen“ (1939, Kurt Hoffmann) anzusehen, und notiert sich den Namen des Hauptdarstellers: Heinz Rühmann.
Foto 85 : Deutsches Filminstitut & Filmmuseum – Marika Rökk im Film „Kora Terry“ (194, Georg Jacoby).