Yvonne Block (1920-2007)
Das Tagebuch von Yvonne, einer 1920 in Straßburg geborenen Frau, gewährt Einblicke in die Erfahrungen erwachsener Kinobesucher vor Ort. Darin schildert sie das erschütternde Alltagsleben einer jungen Frau, die im Alter von zwanzig Jahren den Zweiten Weltkrieg erlebte. Ihre Erzählung beginnt mit dem Einmarsch in Frankreich im Jahre 1940 und beschreibt die Ereignisse eines Gebiets, dass innerhalb kurzer Zeit vom Dritten Reich annektiert wurde.
Im Laufe des Buches entpuppt sich Yvonne als eine klardenkende, aufsässige Persönlichkeit, die Frankreich zutiefst verbunden ist. Sie lehnt die von den Nazis durchgesetzte De-facto-Annexion ab und bringt stets ihre Feindseligkeit gegenüber den Deutschen zum Ausdruck, während sie gleichzeitig auf ihre eigene Weise Widerstand leistet, insbesondere indem sie französischen Gefangenen trotz der damit verbundenen Risiken hilft. Ihr Tagebuch verbindet somit historische Zeugnisse mit persönlichen Einblicken und offenbart eine mutige junge Frau, die zwischen Hoffnung, Wut und Sorge um ihre Angehörigen schwankt.
Trotz allem bemüht sich Yvonne, durch verschiedene Freizeitaktivitäten ein möglichst normales Leben zu führen: Tanzen, Restaurantbesuche, Lesen … Diese Aktivitäten scheinen für sie eine echte Flucht aus dem Alltag zu sein. Unter diesen Freizeitaktivitäten nimmt das Kino einen besonders wichtigen Platz ein.
Yvonne geht regelmäßig ins Kino, manchmal sogar mehrmals im Monat. So notiert sie am 10. Januar 1941, dass sie sich Kleider machen Leute (1940, Helmut Käutner) ansieht, und am 16. Januar Hochzeitsreise zu dritt (1939, Hubert Marischka). Danach sieht sie sich weitere Filme an, wie Falschmünzer (1940, Hermann Pfeiffer) am 10. April oder Über alles in der Welt (1941, Karl Ritter) am 16. April. Sie erwähnt außerdem die Titel So gefällst du mir (1941, Rudolf Schaad) und Hauptsache Glücklich (1941, Theo Lingen).
Die Erinnerungen dieser Zuschauerin zeigen, dass es möglich war, Filme zu sehen, die eindeutig als Propaganda einzustufen waren, obwohl sie eine entschieden antideutsche Haltung einnahm, wie ihre Erfahrung vom 27. Februar 1941 zeigt, als sie Sieg im Westen sah. Der Dokumentarfilm zeichnet die von den Nazis im Frühling 1940 geführte Schlacht im Westen nach, die zur De-facto-Annexion des Elsass und Moselgebiets und zur Besetzung Frankreichs führte. Yvonne schreibt, dass sie „wirklich gelitten“ habe und dass sie „diesen Krieg Schritt für Schritt noch einmal durchlebt“ habe, so sehr, dass sie den Drang verspürte, „zu schreien, zu brüllen“.
Für Yvonne ist das Kino zwar ein Zufluchtsort der Wirklichkeit, doch manchmal wird es auch zu einem Spiegel des Krieges, der ihre Angst und ihre Aufsässigkeit noch verstärkt.
Foto 90 : Privatsammlung von Anthony Rescigno – Porträt von Yvonne Block
Foto 91 : Alle Rechte vorbehalten – Plakat zum Propaganda-Dokumentarfilm Sieg im Westen.
Foto 92 : Archives cinématographiques de l’est – Porträt von Kristen Heiberg (1907–1976), Hauptdarstellerin in Falschmünzer (1940, Hermann Pfeiffer).