Weitere annektierte Gebiete weiter westlich
TEXT ENTSTANDEN MIT UNTERSTÜTZUNG VON PHILIPPE BECK
Die „Ostkantone“ auf der Suche nach deutschen Filmen
In Belgien wurden die Kantone Eupen, Malmedy und Sankt Vith, gemeinhin als „Ostkantone“ bezeichnet, 1940 ebenfalls dem Reich angegliedert. Dieses Gebiet hatte lange Zeit zu Preußen gehört, bevor es nach dem Ersten Weltkrieg Belgien angegliedert wurde. Ein bedeutender Teil der Bevölkerung war am Vorabend des Zweiten Weltkriegs deutschsprachig und kulturell dem deutschen Raum zugewandt.
Bereits vor dem Krieg ist die Lage der Kinosäle besonders: während Belgien eher als eine Erweiterung des französischen Kinomarktes betrachtet wird, unterscheiden sich die Kantone Eupen und Malmedy in ihrer Funktionsweise. Mit dem Aufkommen des Tonfilms suchen die lokalen Zuschauer vor allem nach deutschsprachigen Filmen, was die Kinobetreiber stark von deutschen Verleihern abhängig macht, die ihrerseits vom Propagandaministerium kontrolliert werden. Die De-facto-Annexion führt nicht zu einem klaren Bruch, sondern verstärkt diese Vorherrschaft deutscher Filme noch. Die De-facto-Annexion führt nicht zu einem klaren Bruch, sondern verstärkt diese Vorherrschaft deutscher Filme noch. Die Kinos werden in den deutschen Filmmarkt integriert, und die Vorführungen finden wie im übrigen Deutschland statt.
Dennoch scheinen Filme, die sich mit dem Krieg, der Propaganda oder der Rückkehr ins Reich befassen, im lokalen Kinoprogramm stärker vertreten zu sein als in Straßburg oder Metz. Das auffälligste Beispiel ist Wunschkonzert, das in Eupen die Spitze der Liste der meistgesehenen Filme erreichte. Hinter der Fassade einer musikalischen Liebesgeschichte hebt der als Staatsauftragsfilm eingestufte Film die Verbindung zwischen den Soldaten an der Front und der im Hinterland zurückgebliebenen Zivilbevölkerung hervor. Sein Lokalerfolg zeigt, dass Propaganda ein breites Publikum erreichen konnte, wenn sie die Form populärer Unterhaltung annahm. Im Gegensatz dazu taucht der Film Wiener Blut (1942, Willi Forst), der im Elsass und im Moselgebiet zwar sehr häufig gezeigt wird, in der Wiederherstellung der Kinoprogramme der Ostkantone in Belgien nicht auf. Diese Lücke ist interessant, da die Wiener Komödie nach dem Wiener Kongress spielt, bei dem die Grenzen Europas neugestaltet wurden. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Kantone Eupen, Malmedy und Sankt Vith im Jahre 1815 Preußen zugeteilt. Wenn fiktionale Werke historische Ereignisse behandeln, achten die Nazis darauf, keine potenziell polarisierenden Filme anzubieten, wie beispielsweise Filme über den Ersten Weltkrieg, die weder im Moselgebiet noch im Elsass gezeigt werden.
Foto 93 : Deutsches Filminstitut & Filmmuseum – Foto aus dem Film Wiener Blut (1942, Willi Forst).
Foto 94 : Archives cinématographiques de l’est – Doppelseite aus der Zeitschrift Illustrierter Film-Kurier Nr. 3166, die dem Film Wunschkonzert gewidmet ist.