Die Befreiung markiert einen tiefgreifenden kulturellen Bruch. Amerikanische und französische Filme halten wieder Einzug in die Kinos, während die unter dem Nationalsozialismus gedrehten deutschen Filme von den Leinwänden verschwinden. Das lokale Publikum freut sich sehr, endlich wieder die Gesichter der von den Nazis verbannten Stars wie Jean Gabin, Toni Rossi oder Shirley Temple zu sehen. Doch inzwischen hat sich das Kino verändert. Neue Schauspieler sind aufgetaucht, und die gedrehten Filme entsprechen nicht mehr ganz den Erinnerungen an die Vorkriegszeit. Deshalb ziehen es die Zuschauer zunächst oft vor, alte Filme aus der Zeit vor 1940 erneut anzusehen, anstatt die neueren Produktionen zu entdecken.
Der deutsche Film war auf den Leinwänden im Elsass und im Moselgebiet schon immer präsent gewesen, und die Zuschauer schätzen diese Filme. Nun wird er ebenfalls aus den Kinos verbannt. Dieser Bruch trifft vor allem die Jüngsten, die ihren Filmgeschmack während des Krieges anhand des deutschen Kinos entwickelt hatten, und die Stars, von denen sie geträumt hatten, verschwinden plötzlich aus den Kinos.
Ab 1948 dürfen bestimmte Filme, die, während der De-facto-Annexion gezeigt wurden, in Frankreich und damit auch im Elsass und im Moselgebiet erneut ausgestrahlt werden. Später dreht die deutsche Filmindustrie neue Versionen mehrerer dieser Filme und befreit sie so von jeglichem sichtbaren Bezug zum Nationalsozialismus.
Andere Filme greifen auf eine filmische Ästhetik zurück, die derjenigen der beliebtesten Filme des Kinos unter dem Nationalsozialismus recht ähnlich ist. Sissi Impératrice, der 1956 erschien und von Ernst Marischka inszeniert wurde, der auch Autor von Sieben Jahre Pech und Drehbuchautor von Wiener Blut war. Im Abspann findet man Romy Schneider, Tochter der Stars Wolf Albach-Retty und Magda Schneider, aber auch Paul Hörbiger, der die heimischen Zuschauer so sehr beeindruckt hatte. Zudem wurde der Farbfilm in Agfacolor unter der Kamera von Bruno Mondi gedreht, der dieselbe Stelle bei Die goldene Stadt, aber auch beim berüchtigten Jud Süss innehatte.
Im Rahmen des nationalsozialistischen Projekts, das das Kino zu einer Waffe zur Umgestaltung des Bewusstseins und der Jugend machen wollte, stellten die Kinosäle paradoxerweise auch eine zauberhafte Auszeit inmitten des Chaos dar. Zuschauerinnen und Zuschauer sind überzeugt: Freizeitvergnügen im Kino war nicht gleichbedeutend mit dem nationalsozialistischen Regime. Das Publikum konnte somit die Nazis hassen und gleichzeitig deutsche Filme lieben.
Foto 102 : François-Truffaut-Filmbibliothek – Lauren Bacall (US-amerikanische Schauspielerin, 1924–2014) auf dem Titelblatt der Zeitschrift L’écran français Nr. 46 (15. Mai 1946)
Foto 103 : Alle Rechte vorbehalten – Französisches Plakat zu Sissi Impératrice.
Foto 104 : Stadtarchiv Metz (15 Fi 54) – Zerstörung von Nazi-Symbolen in Metz bei der Befreiung; im Hintergrund: das Kino „Vox“.